RINALDO

Premiere: 4. Dezember 2014
Theater an der Wien in der Kammeroper

Musikalische Leitung – Rubén Dubrovsky
Inszenierung – Christiane Lutz
Bühne, Video – Christian Andre Tabakoff
Kostüme – Natascha Maraval

mit Jake Arditti, Vladimir Dmitruk,
Gan-ya Ben-gur Akselrod,
Tobias Greenhalgh, Natalia Kawalek, Christoph Seidl

Bach Consort Wien

Jake Arditti

Jake Arditti, Vladimir Dmitruk

Tobias Greenhalgh, Natalia Kawalek

Jake Arditti, Vladimir Dmitruk

Jake Arditti, Vladimir Dmitruk,
Gan-ya Ben-gur Akselrod,
Tobias Greenhalgh, Natalia Kawalek

Als Georg Friedrich Händels Rinaldo am 24. Februar 1711 im Londoner Queen’s Theatre uraufgeführt wurde, war es nicht nur die erste italienische Oper, die speziell für eine Londoner Bühne komponiert wurde. Sondern es war auch Händels erste Oper für London – und sie bescherte ihm einen furiosen Einstand in der englischen Hauptstadt.

Händel hat gewusst, wie er sein Publikum von den Sitzen holte und hat mit seinem ersten großen Hit in London alle Register des Theaters gezogen. Da wird gezaubert, entführt, verführt – und gekämpft: auf allen Ebenen und mit allen Mitteln: Rinaldo ist ein Kreuzritter Drama, in dem der Kreuzritter Rinaldo mit seinem Anführer Goffredo gegen die heidnischen Zauberin Armida antreten, die Seite an Seite mit Argante kämpft.

Bei den Überlegungen, wie man sich dem heute so aktuellen Thema der Kreuzzüge nähern könne, brachte uns die Art, in der Händel seine Geschichte erzählte dennoch weg von der Tagespolitik. Die Art, wie Händel die Gegnerschaft auf Gut & Böse herunter gebrochen hat; die absurde Annahme auf der richtigen oder der falschen Seite stehen zu können, ohne jede Schattierung; die Arroganz der Christen, die blinde Überzeugung der Gegner – das alles brachte uns in die Welt der frühen Agententhriller aus den 50er Jahren:

Da gibt es die Kreuzritter, also Männer mit Auftrag, bewaffnet und dadurch, dass sie auf der „richtigen“, der christlichen Seite stehen per se im Recht, sie stehen für die gute Sache und sind bereit das Ziel ihrer Mission mit allen Mitteln zu verfolgen. Ich sage Gut und Böse – und so einfach ist das hier auch: denn die Fronten verlaufen beängstigend ungebrochen zwischen dem christlichen und dem heidnischen Lager. Der gute Held Rinaldo ist clever und smart, ein gentleman hero, der liebt und von beiden Seiten wiedergeliebt wird. Dann eine starke Gegenspielerin: Armida, durch ihre Zauberkräfte eine Kampfmaschine, und nur durch den Charme des Helden ihrer kugelsicheren Routine enthoben.

All diesen Mustern folgend fanden wir uns wieder bei der Erfindung dieses Genres durch Alfred Hitchcock, dem master of suspense. Wir wollen in Rinaldo, dem Kreuzritter, den ersten gentelman-agent aller Zeiten zeigen, der die Rettung der Welt, die Erfüllung seiner Mission über alles stellt. Der sich den Weg frei schießt, frei von Reue und dennoch der Sympathieträger ist.

Händel und Hitchcock – als wir der Spur dieser beiden Giganten folgten, waren wir erstaunt, wie viele Gemeinsamkeiten wir entdeckten: nicht nur die beiderseits durch und durch barocke Silhouette, auch waren beide von ganzen Herzen Impresarii, waren erfüllte von der barocken Freude an Maskerade und Camouflage, von Selbstzitaten und Parodie. Sie haben beide haben ein gewaltiges Oeuvre hinterlassen: der eine 42 Opern, der andere 52 Filme. Beide begannen ihre Karrieren in England und eroberten von dort aus die Welt. Beide stehen für ihren Personalstil und beide waren bereits zu Lebzeiten weltberühmt. (Ein vor allem bei Händel sehr außergewöhnliches Phänomen!) Beide waren Meister der Selbstvermarktung, beide haben ihre Projekte oft mit eigenem Kapital finanziert. Beide haben große Triumphe und große Niederlagen erlitten, und beide waren unbeirrbar. Und beide haben große Helden in große Schlachten geschickt. Also machen wir uns auf, um zu sehen, wie sich Händel und Hitchcock über dem Agententhriller Rinaldo ihre mit allen Theaterwassern gewaschenen Hände reichen.

(aus „Rinaldo – the first gentleman agent of all times“, C. Lutz)